Von zufriedenstellender Verkostung

Bitte probieren
Die Kostprobe im Supermarkt soll die Vernunft beruhigen, den Appetit wecken und … mich zur kaufenden Gegenleistung verpflichten. (Was davon taugt für anstehende 60-Sekunden-Videos?)

Ich habe, so stellte ich fest, Marketing machen zu wollen. Das bedeutet wohl auch, dass ich kurze Videos drehen soll.

„Kurz“ bedeutet eine Minute lang oder weniger.

Das Häppchen der Käse-Verkostung im Supermarkt, nur eben als Video zur Gebets-App. Vielleicht wäre Wein-Verkostung passender; das klingt wertiger, sogar biblischer.

Ich frage mich, welche psychologischen Mechanismen die Kostprobe rechtfertigen. Der Supermarkt „verschenkt“ ja nichts aus Nächstenliebe. Ich verteile die Latin Prayer App zwar durchaus aus Motivationen, die sich mit Nächstenliebe überlappen, doch die Werkzeuge und Methoden müssen trotzdem pragmatisch sein.

An der Oberfläche scheint dich die Kostprobe im Supermarkt mit Fakten überzeugen zu wollen.

„Probier, wie gut dieser Käse schmeckt! Toll, nicht wahr? Na, dann wäre es anhand der Faktizität deiner geschmacklichen Zufriedenheit rational gerechtfertigt, diesen Käse zu kaufen. Ja, es ist immer riskant, ein neues Produkt zu kaufen, das stimmt. Doch jetzt hast du unseren Käse probiert, und er schmeckt dir, und damit ist das Risiko minimal!“

Kostproben können übrigens täuschen, und deine Entscheidung kann irrational sein! Die Limonade, die dir als kleiner Schluck super schmeckt, kann tatsächlich viel zu süß sein. Nach einem ganzen Glas ist dir schlecht und schwindelig, doch die Kostprobe hatte super geschmeckt. Ähnlich mit Stereoanlagen, bei denen Bass und Höhen im Laden viel zu hoch gepegelt sind. Ähnlich mit Matratzen und was weiß ich. Manche sagen, es gäbe auch Häppchen-Menschen und Ganzes-Abendessen-Menschen. Nicht jeder, dessen Anwesenheit vorübergehend Spaß macht, ist auch einen Abend oder gar ein Leben lang zu ertragen – und manch stabile Festung ist in jedem einzelnen Moment eher „langweilig“.

Doch halt! Es ist ja nicht „nur“ die prüfende Vernunft, die von einer zufriedenstellenden Verkostung befriedigt wird. Wenn die Vernunft ihr Veto-Recht niederlegt, ist ja noch kein Kauf getätigt.

Die Kostprobe soll den Appetit auf genau dieses Produkt wecken. (An wen richten sich eigentlich Verkostungen von Spirituosen? An Leute, die einen Kurzen trinken, um festzustellen, dass sie keineswegs zufrieden beschwipst sind, sondern dringend die ganze Flasche brauchen? Hmm.)

Die Verkostung soll also die Vernunft ausreichend beruhigen und zugleich den Appetit auf das Produkt wecken. Letzteres in der bisweilen schrägen Logik, dass, was in einem Mini-Happen schmeckt, auch abendfüllend funktioniert.

Doch was, wenn die Vernunft ohnehin gleichgültig gestimmt war? Was, wenn zudem entfachter Appetit ebenso gut von einem der vielen anderen Produkte befriedigt werden konnte? (Ähnlich wie Werbung für Eiscreme einer bestimmten Marke tatsächlich eine spontane und starke, aber markenunabhängige Eislust wecken kann.)

Für diese Fälle fakten- und markenbezogener Gleichgültigkeit halten die geschickten Geschmackspröbler einen dritten psychologischen Mechanismus parat: die Reziprozität.

Wem etwas geschenkt wird, der fühlt sich oft verpflichtet, eine Gegenleistung zu erbringen. Das ist auch der Grund, warum ich und wohl auch viele andere die Kostproben lieber ablehnen. Ich bin kein Verächter von Kost oder Verkostung. Doch ich ertrage nicht die traurigen Augen des jeweiligen Anbieters, den leeren und hoffnungslosen Blick, wenn er resigniert auf das verkostete Produkt zeigt. Wie oft wurde er pro Tag ausgenutzt, schamlos, von Gierigen, die kosteten und niemals wirklich beabsichtigt hatten, zu reziprozieren! Nein, ich will mich nicht in diese schamlose Reihe einreihen. Da ignoriere ich den Anbietenden lieber gleich ganz, als sähe ich ihn nicht. Das ist gewiss besser.

Dies also sollen die drei Aufgaben der 1-Minüter sein, die ich für Latin Prayer drehe: Vernunft zufriedenstellen. Appetit wecken aufs Beten auf Latein. In reziproke Schuld nehmen.

Welche Vernunftsgründe gilt es, zu befriedigen, wenn ich die Menschen bewegen will, eine lateinische Gebets-App zu probieren? Ja, den Gebrauch zum täglichen Bestandteil ihres Alltags werden zu lassen?

Es braucht wohl zuerst Gründe gegen die Gegengründe. Ähnlich wie die „Gottesbeweise“, die in ihrer logischen Funktion eigentlich „nur“ zeigen, warum es nicht gegen den Verstand geht, die Existenz Gottes zuzugeben.

Doch – siehe obige Gleichgültigkeit – es braucht auch aktive Gründe dafür. Deren bester ist wohl: Es wirkt. Rosenkranzbeten wirkt. Dein Leben wird ein besseres Leben werden, denn du Mensch wirst ein besserer Mensch werden. Und dein Schullatein wird aufgefrischt, was dich sogar zum klügeren (oder: wieder klugen) Gelehrten erhebt!

Was aber den Appetit und die Reziprozität betrifft, könnte ich beide Motive mit ähnlicher Maßnahme aktivieren: Ich stelle kurze 60-Sekunden-Videos her, etwa mit Ave Maria oder Pater Noster. Wem das gefällt, der könnte diese Gebete zum Teil seines eigenen Alltags werden lassen – und so seinen Alltag erheben!

Für die Reziprozität aber könnte ich vollständige Audio- und Videotracks anbieten. Einen ganzen Rosenkranz, in verschiedenen Mysterien. Pater Noster in meditativer Aufmachung. „Lateinisch zum Einschlafen“. Und so weiter.

Du hast mein Käsehäppchen probiert? Gratis? Nun kaufe auch den Käse, reziprok, für Geld. – Du hast das lateinische Gebet probiert? Gratis? Nun lade auch die App herunter, reziprok, ebenfalls gratis.

Euch aber danke ich. Ich danke euch, dass ihr bis hierhin gelesen habt, denn ihr habt mich bei meinen sehr echten Gedankengängen begleitet. Dies ist, was mich heute beschäftigt – und ich fühle mich euch gegenüber reziprok verpflichtet. (Man könnte auch sagen: dankbar.)

Wir wollen bemüht bleiben, am Wahnsinn unserer Zeit nicht selbst wahnsinnig zu werden. Nicht in den Abgrund zu starren, bis dieser zurückstarrt.

Es wäre mir eine Ehre und Freude, einigen Menschen dieses Werkzeug in die Hand zu geben, das dich und mich zuverlässig vom Abgrund zurückziehen kann.

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Der Essay Von zufriedenstellender Verkostung von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/verkostung/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!