Es ist ein bemerkenswertes Interview. Mit einem Herrn, der offenbar ein westdeutscher Kunstschaffender ist. Der Geheimratsecken aufweist und sich doch in vermeintlicher Schulhofsprache zu versuchen scheint.
An anderer Stelle tritt dieser Herr mit hundertfünfzigprozentiger Meinung auf. Für offene Grenzen, gegen Andersdenkende – und mit Parolen, die selbst dem Staatsfunk als „Anleitung zu gewaltbereitem Widerstand“ zu heikel waren. Eine veritable Logorrhöe politisch korrekten Bullshits. Eben der Mainstream dieses späten deutschen Propagandastaates.
In diesem bemerkenswerten Interview allerdings wird der Herr nach der Beschulung seines eigenen Kindes befragt. Wir erfahren, dass sein Kind eigentlich auf eine nahe Schule gehen sollte, an der ihm etwas zu viel Gewalt herrschte. Also nahm er sich – er ist reich – einen Rechtsanwalt und klagte sein Kind wohl an eine weniger gefährliche Schule.
Niemand, wirklich niemand ist im Unklaren darüber, warum die milieunahe Schule etwas arg gewaltnah ist. Es ist das „Deutschland“, das Leute wie exakt dieser Herr fordern.
Das Interview schwingt sich auf neue Ebenen, als der Kunstschaffende sich larmoyant darüber auslässt, dass so etwas überhaupt möglich ist.
(Unabsichtlich bestätigt er damit die Wirkkraft der Relevanten Strukturen. Indem es ihm möglich ist, sein eigenes Kind an eine Schule zu klagen, die nicht von den Folgen seines Tuns betroffen ist, sieht er sich dazu verpflichtet. Die Struktur eigenes Kind ist ihm relevanter als die Struktur profitabel beworbene Ideologie – und der Profit vom Vermarkten jener Ideologie ist ihm vermutlich weiterhin relevanter als das Leben anderer Kinder. So sind’se halt, die Guten.)
Es ist ein weiterer „Guter“, der sein eigenes Kind vor den bösen Folgen des performativen Gutseins schützt. Der professionelle Linke, der für das Elend mittelbar Mitverantwortung trägt, klagt sich frei. Der Normalbürger aber, der nicht über solche Ressourcen und Verbindungen verfügt, der sich also dafür demokratisch über all das beschweren will, der wird von Leuten wie dem klagenden Kulturschaffenden als „Rechtsextremer“ und „Faschist“ beschimpft.
Ja, natürlich muss ich an Jesu Urteil über die Pharisäer denken:
Sie binden schwere Lasten zusammen und legen sie den Menschen auf die Schultern, sie selbst aber wollen sie mit keinem Finger anrühren.
– Matthäus 23:4
Ein Unterschied ist, dass die Pharisäer tatsächlich auch Schriftgelehrte waren. Was sie sagten, war es durchaus wert, befolgt zu werden – ihre eigenen Handlungen folgten allerdings nicht ihren erklärten Werten.
Die Kunstschaffenden unserer Tage sind wahrlich keine Schriftgelehrten. Wenn sie sich moralisch geben, sind sie womöglich einfach nur Pharisäer.
Heuchler.
Oder wie sie selbst sagen würden: Pragmatiker.
Weiterschreiben, Wegner!
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