Obwohl sie wissen, dass sie …

Ist es hell genug?
Das Leben ist kurz, die Zeit begrenzt. Wenn nun ein Mensch für das Gute und Richtige kämpft, tut er das, OBWOHL sein Leben endlich ist … oder GERADE WEIL?

Das Lied heißt „Passing Through“. Es wurde von Dick Blakeslee geschrieben, im Jahre 1948. Bekannt wurde das Lied allerdings durch die Versionen von Pete Seeger und später Leonard Cohen.

Hier die Live-Aufführung von Leonard Cohen, aus dem Jahr 1979, als Deutschland klüger war und mir zu „ZDF“ nicht bloß „Propaganda“ einfiel:

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Leonard Cohen stellt die alte Strophenfolge um. Er beginnt nicht mit Adam, sondern mit Jesus. Ins Deutsche übersetzt beginnt er seine Version also so:

Ich sah Jesus am Kreuz auf einem Hügel namens Golgatha.
„Hasst du die Menschheit für das, was sie dir angetan hat?“
Er sagte: „Sprich von Liebe, nicht von Hass – es gibt noch viel zu tun, und es wird spät.
Ich habe nur wenig Zeit und bin hier nur auf der Durchreise.“

Das Lied ist theologisch diskutabel, und wenn der jüdischstämmige Buddhist Leonard Cohen es singt, erhält „passing through“/„auf Durchreise“ eine Samsara-Nuance. Das Leben als einer von vielen Durchgängen.

Aus christlicher Sicht kann „auf Durchreise“ aber wohl bedeuten: Dieses Leben ist wichtig und entscheidend, jedoch nicht das einzige. Ja, wie gesagt: „just“/„nur“ ist hier diskutabel. (Es ist ja auch nicht ganz falsch, da der Christ ein weit größeres Leben erwartet.)

Doch lassen wir die Kunst eben Kunst sein, denn (wahrlich nicht nur) mich berührte zuerst die Frage, die der Dichter an den Gekreuzigten richtet.

„Hasst du die Menschheit für das, was sie dir angetan hat?“

Ja, man könnte diskutieren, wer es war, der Jesus das „angetan“ hat (vergleiche 1. Thessalonicher 2,14–16). Ein Kirchengelehrter könnte erklären, dass die, die Jesus töteten, doch den Messias nicht erkannten und lediglich einen Aufrührer in Ihm sahen. Mehr Schuld trifft jeden Christen, der doch den Gottessohn kennt und dennoch sündigt, dennoch ein buchstäblich gottloses Leben führt.

Ja, all dies könnte man diskutieren, doch etwas anderes an diesem Vers berührt (mich).

Es ist die in gesprochener Tat manifestierte Liebe. Es sind die Worte, die der zwischen Verbrechern Gekreuzigte sagt: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,33–34)

Auf Latein: „Pater, dimitte illis: non enim sciunt quid faciunt.“

Nein, sie wussten es nicht. Ob sie seitdem die Chance nutzten, dazuzulernen, auch das ist eine wieder andere Frage.

Fest steht, dass der Gekreuzigte des Liedes hinzufügt: „Sprich von Liebe, nicht von Hass – es gibt noch viel zu tun, und es wird spät.“

Es gibt noch viel zu tun, und es wird spät. Das klingt mir in den Ohren. Das berührt mich jedes Mal, wenn ich dieses Lied höre.

So wie gestern.

Doch das Lied läuft weiter. Ich hatte es oft genug gehört, in der Leonard-Cohen-Version. Dann empfahl mir YouTube, mir mal frühere Versionen anzuhören. Von Pete Seeger und anderen.

Gestern fiel mir eine der letzten Strophen (neu) auf. Diese Strophe handelt von George Washington und dem Winterlager von Valley Forge. Und sie handelt von den dort im Winter ausharrenden Soldaten. Wir hören: „Men will suffer, fight, even die for what is right, even though they know they’re only passing through.“

Auf Deutsch: „Männer werden leiden, kämpfen, sogar sterben für das, was richtig ist, obwohl sie wissen, dass sie nur auf Durchreise sind.“

Ja, auch diese Strophe berührt und bewegt mich. Ich stimme aber nicht der Logik zu, wonach wir für das Richtige kämpfen, „obwohl“ wir „nur auf Durchreise“ sind.

Wir kämpfen, weil wir „auf Durchreise“ sind, sprich: weil dieses Leben endlich und deine Tage hier gezählt sind.

Und auf die Wut und den Hass, bis zum Versuch der Vernichtung meiner Existenz, will ich mit Liebe antworten können.

Es gibt wahrlich noch viel zu tun, und die Zeit wird knapp.

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