KI macht dumm und klug

Die Stiftschleifer
Das MIT warnt: KI-Chats verdrängen Lerngruppen und Sprechstunden und nehmen Studenten das Lernen ab. Das stimmt. Doch dieselbe Maschine kann klüger machen, wenn man sie nach Kontext und Gegenthesen fragt.

Die Wissenschaft hat festgestellt – anhand von Anekdoten –, dass Studenten seltener in Gruppen studieren. (Und mit „Wissenschaft“ meine ich: den „Report“ des „MIT’s Ad Hoc Committee on AI Use in Teaching, Learning, and Research Training“, PDF-Download.)

Darin heißt es:

So wie die Automatisierung mit Arbeitsplatzverlust, Dequalifizierung und zunehmender Vereinzelung der Arbeitenden droht, so verdrängt auch der Verlass auf Chatbots in der Bildung den Austausch unter Gleichen, etwa in Lerngruppen, und verringert die Begegnung zwischen Studenten und Lehrenden.
– MIT’s Ad Hoc Committee on AI Use in Teaching, Learning, and Research Training, 13.8.2026; ins Deutsche übertragen

Wir lesen es. Wir fühlen die Schwere von „droht“ („threatens“), Arbeitsplatzverlust („job loss“), Dequalifizierung („deskilling“) und zunehmender Vereinzelung der Arbeitenden („increasing isolation of workers“). „Verlass“ („reliance“) könnte vermutlich auch als „Abhängigkeit“ gewertet werden.

Künstliche Intelligenz, so diese Abhandlung, verhindert Lernen. KI nimmt Studenten die Gelegenheit, das Lernen zu lernen.

Fast jede schriftliche Angelegenheit kann KI erledigen: Essays und Recherche, sogar mathematische Beweise. Die Studenten rutschen in kognitive Kapitulation. Warum soll man denn panisch in der Bücherei nach einer Antwort suchen, wenige Tage vor Abgabeschluss, wenn KI diese Antwort sofort und ausformuliert liefert?

KI-Nutzung, so die Autoren, schwächt das eigene kritische Denken – oder lässt es gar nicht erst wachsen –, schwächt das Gedächtnis, erschwert die echte Beherrschung eines Stoffs und – besonders verheerend – untergräbt das Vertrauen in die eigenen geistigen Fähigkeiten.

Studenten diskutieren weit seltener untereinander über den Lehrstoff. Was gibt es denn zu diskutieren? Die KI sagt ja, was die richtige Deutung ist.

Studenten besuchen die Sprechstunden der Professoren merklich seltener, um Rückfragen zu stellen. Wofür sich die Mühe machen und eine Stunde anstehen, um sich die Blöße zu geben und von einem gestressten Professor die Auflösung einer Selbstverständlichkeit zu erfahren, wenn die KI die Angelegenheit geduldiger, ausführlicher und zugleich schneller erklären kann?

KI lässt menschliche Interaktion belanglos wirken, zumindest das Lernen betreffend. Studenten lernen ja durchaus, die lernwilligen Studenten zumindest, aber sie lernen in Interaktion mit dem KI-Chat.

Lernen via KI-Chat höhlt eine bislang zentrale Nebenfunktion von Universitäten aus: das Wachsen am sozialen Umgang und das Wachsen an der Erarbeitung des Lernstoffs.

Und das Papier listet noch weitere neue Probleme auf, etwa den Vertrauensverlust zwischen Lehrkräften und Studenten. Oder die Benachteiligung ärmerer Studenten, wenn die einen mit dem ChatGPT-Gratis-Account herumwurschteln, während die anderen mit Claude Max 20x an einem Abend ein vollständiges und originelles Forschungspapier auswerfen können.

Ein Fortschrittsfreund könnte an dieser Stelle be- und anmerken, dass hier zumeist Veränderungen kritisiert werden. Und Veränderungen gehen naturgemäß mit dem Verlust des liebgewonnenen Alten einher.

Ist es lediglich Nostalgie, die den KI-Kritiker umtreibt?

Ach nein, ich widerspreche nicht, dass Wichtiges verloren geht. Oder zumindest Schönes und Angenehmes. Welcher Ex-Student denkt denn nicht wehmütig ans Uni-Leben zurück? Glücklich(er), die noch vorm Bologna-Kahlschlag studierten!

Ja, die Benutzung von KI als Lernhilfe kann die Entwicklung wichtiger intellektueller Fähigkeiten verhindern. Es stellt sich heraus, dass nicht nur beim Essen die scheinbar nebensächlichen Ballaststoffe gesund und wichtig sind.

Ich will aber an dieser Stelle fragen, wo und wie der KI-Chat seine Benutzer klüger machen kann.

Im Essay „Es gibt kein Recht auf Dummheit“ habe ich 2016 eine Ad-hoc-Theorie der Dummheit vorgelegt: „Dummheit“ ist das fahrlässige Ignorieren von Zusammenhängen.

In logischer Umkehrung müsste es Klugheit zu nennen sein, die Zusammenhänge einer Angelegenheit zu sehen und zu verstehen, und zwar auf allen relevanten Ebenen.

Sogar gebildete und erfahrene Menschen können bisweilen dumm denken und handeln. Durch psychologische Effekte wie Stress, Routine, Unlust oder Müdigkeit können auch umsichtige Menschen blind für relevante Zusammenhänge werden; sprich: dumm.

Künstliche Intelligenz könnte uns heute klüger machen, indem sie zu einem Thema den Kontext und mögliche Gegenthesen vorlegt. Wir könnten der KI regelmäßig ein Thema vorlegen und sie nach Kontext und Gegenargumenten fragen.

Ja, ich finde, Autoren sollten Gegenthesen-Prompts zum Teil ihrer Texte machen! Wer sich seiner Sache sicher ist, wer seine Gedanken selbst und gut durchdacht hat, dem sind die Erweiterung und Prüfung durch andere intelligente Instanzen willkommen!

Ich bin mir dessen sehr wohl bewusst, dass die schnelle KI-Antwort mit Kontext und Gegenargumenten nicht wirklich die Fähigkeit zur Suche danach trainiert. Meine Hoffnung ist aber, dass das Sehen und Lesen von Kontext und Gegenargumenten zumindest die Mustererkennung fördert.

Ich habe nun eine technische Lösung erfunden, wie das Klügerwerden durch KI zum Teil eines Textes werden kann. Ich schreibe es als speziell formatierten Text, und für euch erscheint es als Eingabebox.

Schreibt eure eigene Klage über etwas Neues oder wählt eine der vorbereiteten Klagen aus, dann wählt euren KI-Chat aus, um die Prüfung via Link zu starten:

Prüfe die folgende Klage: Verlust oder bloße Veränderung?
1. Zerlege sie in einzelne Behauptungen.
2. Ordne jede ein und begründe in einem Satz: echter Verlust (eine Fähigkeit oder ein Gut fehlt danach wirklich), bloße Veränderung (dasselbe Ziel wird anders erreicht) oder Gewinn.
3. Nenne eine frühere Neuerung, über die ähnlich geklagt wurde. Was ist eingetreten, was nicht?
4. Nenne das stärkste Argument gegen die Klage.
5. Benenne den schwersten Verlust, falls es einen gibt, und begründe, warum gerade er.
6. Markiere jede deiner Aussagen als belegte Tatsache, plausible Schlussfolgerung oder Spekulation.
7. Stelle mir zum Schluss eine Frage, mit der ich die Klage an meiner eigenen Erfahrung prüfen kann.
Gleiche nicht künstlich aus: Ist fast alles Verlust, sag das. Ist nichts Verlust, ebenso.

Klage: [Ihr Thema]

Beispiele: Schüler und Studenten, die mit KI-Chats lernen, verlernen das Lernen.; Seit es Navis gibt, kann keiner mehr Karten lesen.; Kinder mit Smartphone spielen nicht mehr draußen.; Seit Bologna studiert man für Punkte statt für Bildung.; Seit es Fertiggerichte gibt, kann keiner mehr kochen.

Habe ich eine Antwort gefunden auf die Kritik jener Wissenschaftler? Ach, die Amerikaner sagen: „If you can’t beat them, join them.“

Das bedeutet: Wenn du sie nicht schlagen kannst, schließe dich ihnen an.

Künstliche Intelligenz war zunächst die Summe menschlichen Wissens, auch des Wissens um Schlussfolgerung. Heute ist es das Produkt. Computer addieren nicht mehr die Fähigkeiten, die sie den Menschen abschauen – Computer multiplizieren sie.

Wenn aber, wie ich vermute, Klugheit und Verständnis jenem zuträglich sind, was auch als Sinn des Lebens oder echtes Glück bekannt ist, dann könnte unsere Verwendung von KI in der Tat sinnvoll sein.

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Der Essay KI macht dumm und klug von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/ki-macht-dumm-und-klug/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!