Im deutschen Staatsfunk, so erfährt der informierte Bürger in den sozialen Medien, lief wohl letztens eine Dokumentation mit einem Jungpolitiker und dessen spektakulärem Berliner Büro. Teure Sitzgruppe, Strandkorb auf großer Terrasse und so weiter – einiges davon, direkt oder indirekt, großzügig finanziert vom deutschen Steuerzahler.
Man fragt sich, warum die Propaganda eine solche Produktion ausstrahlt. Propagandisten mögen am Gewissen tot und an der Moral pervertiert sein, aber gewiefte Hunde san’s doch. Man fragt sich, warum gerade heute, im Angesicht konkreter Erfolge der oppositionellen Demokraten, die „Unsere Demokratie“-Kader ihre totale Entfremdung dokumentieren und in die Wohnzimmer ihrer Opfer bringen.
Manch deutsche Politikerin ließ mich an die Schildkröte auf dem Zaunpfahl denken; siehe etwa den Essay „Frau L. gewinnt viele besondere Eindrücke“. Man weiß nicht, wie das Tier hinaufkam. Man weiß nur, dass es nicht aus eigener Kraft dorthin gelangt ist, dass eine höhere Macht geholfen hat. Und dass das arme Tier sich unten im Gras eben doch wohler fühlen würde.
Jener Politiker ist nicht so einer. Er ist schlau. Vermutlich noch nicht einmal so moralisch verwahrlost wie etwa ein Journalist. Und doch präsentiert er sich als entrückt auf Kosten der Steuerzahler. Am Rande: „Auf Kosten der Steuerzahler“ ist ein Euphemismus, denn es bedeutet oft: von Schulden bezahlt. Schulden, die nie getilgt werden werden. Schulden, die das Land allmählich finanziell verkrüppeln werden – bis zum nächsten Krieg. Aber das, wie gesagt, nur am Rande.
Warum also tut er es?
Meine Vermutung: In der postdemokratischen Staatsform Unsere Demokratie ist die erste Zielgruppe der Propaganda nicht zwingend der Pöbel. Die eigentliche Zielgruppe ist womöglich die Konkurrenz innerhalb des politischen Kartells. Die Abgehobenheit ist nicht Makel, sondern tatsächlich Beleg bereits erlangter Machtfülle und Nähe zu noch höherer Macht.
Und die Meinung der Wähler? Eine weitere Vermutung wäre, dass „Omas gegen Rechts“ und der Rest der Tagesschau-Armee zumindest im diktaturvergessenen Westen das alte Kartell stützen werden. (Und wenn nicht, hebt man Wahlfolgen durch Verfahrenstricks auf. Siehe aktuell etwa die Ministerpräsidentenkonferenz.) „Unsere Demokratie“ bedeutet, dass Wahlen (möglichst) nichts an Machtverhältnissen ändern.
Ein Leser fragte mich jüngst, warum ich plötzlich klassische deutsche Anführungszeichen verwende, also „ und “ statt wie ein Jahrzehnt lang » und «.
Ich antwortete ihm mit dem Hinweis auf die parallele Änderung der Internet-Adresse. Dieser Text etwa trägt den Datei-Pfad /tagebuch/der-strandkorb/. Die oben verlinkten früheren Texte aber tragen Pfade wie /essays/weisse-frauen/ oder /essays/fuers-verheizen/. Der Unterschied ist „essays“ vs. „tagebuch“.
Als ich Essays schrieb, bemühte ich mich um Lösungen, Kampfansagen, und seien sie „nur“ moralischer Natur. Ich will euch nicht verkaufen, was ich nicht liefern kann, sonst würde ich ja zu denen gehören, gegen die ich in wütend getippten Worten anstürmte.
Nein, ich habe keine moralische Auflösung, keine witzige Pointe oder gar einen aktivierenden Aufruf bezüglich weltfremder Strandkörbe und im Luxus schwelgender Unsere-Demokratie-Funktionäre anzubieten.
Ich biete keine Lösungen (mehr) an, zumindest nicht rein in dieser Dimension. Zwecks Zugang zu höheren Dimensionen, wenn auch mit praktischen, spürbaren und wunderbar schönen Konsequenzen in dieser Dimension und Realität, lege ich euch wieder und weiter Latin Prayer vor.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Der Strandkorb ist nicht für dich von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/der-strandkorb/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!

