Heute Morgen kam es in Spanien wieder zu einem schweren Zugunglück. Nach letzten Meldungen ist die Rede von über 30 oder sogar über 50 Toten und von Verletzten im dreistelligen Bereich. Die Bilder des Unfalls sind genauso schrecklich, wie man es sich vorstellt. Ein Renfe-Zug fuhr wohl durch ein Haltesignal und rammte einen stehenden Iryo-Zug. All diese Meldungen sind vorläufig – was man jetzt liest.
Diese konkrete Katastrophe lässt mich aber persönlich extra aufmerksam werden. Es passierte in der Provinz Toledo, und in den Nachrichten liest man von Toledo.
Ich war letzten Sommer in der Stadt Toledo, sieben Wochen lang. Ich war dann zwischendurch dort, zum Festtag von Padre Pio im September. Und ich plane, Weihnachten wieder in Toledo zu sein. Der Flug ist gebucht. Die Übernachtungen im Kloster sind verabredet.
Und ich habe bereits das Renfe-Zugticket gekauft, von Madrid nach Toledo. Teilweise dieselbe Strecke, wenn sie auch nördlich vom heutigen Unglücksort in Richtung Toledo-Stadt verlassen wird. Die gleiche Firma wie der auffahrende Zug. Und vor allem: dasselbe System.
Natürlich wird nun über die Ursachen der heutigen Katastrophe diskutiert, oder vielleicht eher spekuliert. Einige erwähnen die Zug-Liberalisierung von 2021. Andere sprechen über veraltete Technik oder eine anstehende Systemumstellung.
Einige haben das Gefühl, dass die wahre „Ursache hinter den Ursachen“ eine besondere spanische Mentalität ist, die sich von außen als „kannste nix machen“ beschreiben ließe.
Die meisten Spanier fühlen sich ihrem eigenen System hilflos ausgeliefert. Spanier schimpfen über spanische Bürokratie und andere Systemprobleme, doch niemand glaubt, daran etwas ändern zu können. Das höchste Lebensziel vieler Spanier ist es, in einen der vielen quasi unkündbaren Jobs zu gelangen. Idealerweise bei der Regierung, doch im Zweifel auch gern bei einem staats-artigen Konzern.
Das heißt: Spanien wird verwaltet von Leuten, deren herausragendste Fähigkeit darin besteht, sich in einem quasi unkündbaren Job einzurichten. Wenn sie aber in diesen Job gelangt sind, bleibt ihr höchstes Ziel, nicht gekündigt zu werden. Es hilft, dass Rechtsprechung und Gerichte eine Kündigung nahezu unmöglich machen (während Selbstständigkeit harsch sabotiert wird).
Ihr werdet vielleicht sagen, dass es unhöflich ist, einen Gastgeber zu kritisieren. Doch Spanier selbst werden es euch bestätigen – in weit harscheren Worten, als dieser Ausländer es wagen würde. Und auf Spanisch!
„Du schimpfst über das System“, so möchte ich manchem Spanier sagen, „derweil bist du ein Teil dieses Systems!“
Oder wie man dem Autofahrer sagt: „Du stehst nicht im Stau, du bist der Stau.“
Der Spanier kann dir antworten: „Ich kann mich selbst ändern – ich kann nicht das System ändern.“
Spanier und Deutsche sind sich in dieser Erkenntnis nicht unähnlich, in diesem Ausgeliefertsein an das System, Spanier sind aber ehrlicher darin. Und zur Ehrlichkeit gehört die Vermutung, dass im System, innerhalb dessen sich das heutige Unglück ereignete, einige Leute arbeiteten, welche die Risiken sahen, doch nichts daran ändern konnten.
Mancher fragt sich: Ist Spanien ein empfehlenswertes Land für deutsche Auswanderer?
Jein. Nur wenn man sich der Realität bewusst ist. Wer heute eine Wohnung sucht, sollte sehr tiefe Taschen haben. Und er sollte darauf vorbereitet sein, exakt dafür von den Einheimischen verachtet zu werden – während sie sein Geld nehmen. Verständlicherweise! Es ist in spanischen Ballungszentren nicht ungewöhnlich, dass die Wohnungsmiete hunderte Euro über dem durchschnittlichen Netto-Einkommen liegt. Und Deutsche mit tiefen Taschen, die nach fünf Jahrzehnten ihre Wohnung im Hamburger Süden verkauft haben und in Spanien bar zahlen – jeden Preis! – sind mit dran schuld.
Trotz kollidierender Züge, Bürokratie im Wortsinn und Wohnkosten-Wahnsinn hat Spanien eine sehr wichtige Eigenschaft, welche sich vor all die Mühen und Gegenargumente schieben könnte.
In Matthäus 8:10 sagt Jesus über einen römischen Hauptmann: „Wahrlich ich sage euch: In Israel habe ich bei niemand solchen Glauben gefunden.“
Ähnliches ließe sich über Spanien und manche Spanier sagen.
Letztens schrieb ich:
Spanien wird von Sozialisten regiert, und die Folgen sind spürbar. Und doch existieren sie, die Nischen und Gruppen gläubiger Menschen, die am alten Glauben festhalten – und auch wirklich glauben.
– Tagebuch-Eintrag 13.10.2026
Spanier sind nicht viel bürokratischer, korrupter oder staatsgläubiger als Deutsche. Doch Spanier sind ehrlicher zu sich selbst. Auch in spirituellen Angelegenheiten.
Wer Menschen sucht, mit denen er gemeinsam beten kann, kann in Spanien fündig werden, wenn er denn Spanisch lernt. Zum Beispiel in Toledo.
Heute aber gilt zuerst: Wir müssen der Opfer gedenken. Wir müssen für ihre Seelen beten und für ihre Angehörigen.
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Toledo, die Spanier und du von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/toledo-die-spanier-und-du/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!

