Ich stelle mir ein vollständig leeres Universum vor. Mit wirklich nichts darin.
Dann, darin, in jenem sonst vollständig leeren Universum: zwei Instanzen.
„Instanzen wovon?“, so fragst du, und ich antworte: „Es ist egal.“
In dieser Vorstellung macht es keinen Unterschied, wir fragen nach einem anderen Unterschied. Stellen wir uns des Weiteren vor, dass die Instanzen nebeneinander schweben, mit etwas Abstand.
Wie viel Abstand das ist? Auch das macht wenig Unterschied – und ist womöglich gar nicht messbar. (Womit auch?)
Ich frage mich nun: Welche dieser Instanzen schwebt links und welche rechts?
Intuitiv antwortest du, in einem weiteren Womöglich: „Na, die linke Instanz schwebt links und die rechte Instanz schwebt rechts.“
Ja, in diesem Tagebuch-Eintrag rede ich ja selbst schon wie eine linke Instanz: ich stelle mir den Gegner als halben Deppen vor (immerhin nicht als von böser Absicht getrieben) und lasse ihn also leicht zu widerlegende Dinge sagen.
Du kannst dir jenen weiten Raum kaum vorstellen, eigentlich gar nicht, ohne dich selbst als beobachtende Instanz mit im gedachten Raum zu positionieren.
Ohne den Beobachter existiert in jenem Raum kein Links und kein Rechts, kein Oben und kein Unten. Und die Messung des Abstands der beiden Instanzen voneinander setzt voraus, dass mindestens eine jener Instanzen eine Ausdehnung hat, zu welcher der Abstand relativ sein kann.
An dieser Stelle dieses Tagebuch-Eintrags haben aber sowohl ich als auch der Mitleser es verdient: Wir setzen uns, als Beobachter, sehr bewusst in jene Weltraumszene.
Ich stelle mir vor, ich wäre dort im Weltall, mit den beiden Instanzen, nur wir drei, und ich beobachtete deren spezifische Eigenschaften, inklusive eben der Lage.
Dann kehre ich zurück in diese sogenannte Realität.
Ich berichte den Leuten von meinen Erlebnissen in der weitgehend leeren Dimension.
Die Leute interessiert es nicht!
Mit den Augen rollt man und mit den Fingern scrollt man weiter.
„Wir wissen nicht einmal, wo hier auf der Erde oben und wo unten ist!“, so sagen die Leute, und: „Es dreht sich ja alles umeinander, drunter und drüber. Was interessieren uns die möglicherweise, aber nicht sicher, ausgedehnten ‚Instanzen‘ in deinem ‚gedachten‘ Universum?“
Ach, die vielen verwirrenden Widerworte werden mir zuwider. Bedenkenträger, Rückfragenfrager, Problembären. Anstrengend, allesamt.
Ich stelle mir ein weitgehend leeres Universum vor. Nur zwei Instanzen, und ich. Und wehe, eine der beiden Instanzen widerspricht mir.
Der liebe Herr Sohn genießt nun auch Philosophie-Unterricht in der Schule. Letzte Woche diskutierte er in der Klasse wohl, welches Verhältnis der Tod zur Sinnhaftigkeit des Lebens hat. Wird das Leben durch seine Begrenzung bedeutungsvoller? Oder verliert es durch seine Endlichkeit an Bedeutung?
Ich wies ihn höflich darauf hin, dass dies zunächst eine Frage nach Bedeutung ist. Was verleiht einem Leben seine Bedeutung? (Und muss Philosophie nicht an der Frage nach Bedeutung scheitern, da Bedeutung eine externe bedeutungsgebende Instanz erfordert?)
Ach ja, es ist Freitag. Eine weitere hart durchgearbeitete Woche. Die Zahl der Menschen, die mit Latin Prayer beten, steigt.
Ich erhalte Anfragen aus dem Ausland, den Wunsch nach mehr Versionen. Ich habe, auf Beter-Wunsch hin, die Unterstützung von Tablets (iPad und Android-Tablets) eingerichtet. Es gab ein Problem mit der allerneuesten iOS-Version 27 (das ist gelöst). Es gibt ein Problem mit älteren Geräten, die auf iOS 15 laufen (Lösung wird gerade getestet, während ich dies schreibe).
Warum fällt mir am Ende dieser Woche also ein leeres Universum ein? Vielleicht, weil diese kaputten, verworrenen, unglücklichen Zeiten es notwendig machen, von ersten Prinzipien an zu denken. Grundlegende Fragen zu bedenken. Sehr grundlegende Fragen. Wie die Tatsache, dass „links“ und „rechts“ und „oben“ und „unten“ einen Beobachter brauchen. Ebenso wie die Frage nach dem Sinn des Lebens.
(Ich habe dem Sohn übrigens erklärt, dass Schul-Philosophie dazu da ist, die Fragen zu erklären, nicht zwingend auch die Antworten zu geben. Antworten, siehe Sinn, Bedeutung und Orientierung im Raum, benötigen auch weiterhin einen übergeordneten Beobachter, sozusagen eine höhere Instanz.)
Weiterschreiben, Wegner!
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Der Essay Zwei Instanzen und ich von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/zwei-instanzen-und-ich/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!

