Ist es empfehlenswert, vor den deutschen Zuständen zu „fliehen“?
Zum Beispiel nach Spanien?
Es ist eine Frage, die mir Leser immer wieder stellen. (Tatsächlich leite ich diese heutigen Notizen an einen Leser weiter, als Antwort auf seine E-Mail.)
Meine Antworten auf die „Auswanderer-Frage“ entwickeln sich über die Jahre weiter. 2019 beschwor ich den „Wanderer, aus Gründen“. 2021 schrieb ich schlicht „Vom Auswandern“. „Plötzlich reden alle vom Auswandern“ stellte ich 2025 fest.
Wir schreiben inzwischen 2026. Meine Antwort auf diese schwärende, wiederkehrende Frage ist neu und vielleicht sogar tiefer.
Meine Antwort ist nicht in dem Sinne anders, dass meine alten Antworten falsch wären.
Es gilt, als Beispiel, weiterhin und nachdrücklich, was ich vor einem halben Jahrzehnt über die ungenannten ontologischen Kosten und Folgen für das (aus-)wandernde Individuum schrieb:
Sind Sie bereit, ein Leben lang zu „Wandernden“ zu werden? Sind Sie bereit, Gäste und Fremde zu sein? Übernehmen Sie die Verantwortung, Ihre Kinder zu Gästen und Fremden zu machen?
– Essay „Vom Auswandern“ (2021)
Ich warnte stets davor, lediglich vor etwas zu fliehen. Ich empfahl und empfehle weiterhin, wenn man denn überhaupt wandert, zuerst zu und nach zu wandern.
Diese Empfehlung bleibt auch im bald ausklingenden Jahr 2026 gültig. Und ich muss gar nicht groß nachfragen, warum Deutsche aus „Deutschland“ auswandern wollen. Die meisten sagen es von selbst.
Deutsche fliehen vor den realen Folgen des deutschen Realitätsverlusts.
(An dieser Stelle sei zu Protokoll gegeben, dass unter deutschen Auswanderern eine Gruppe existiert, mit der ich regelmäßig einigermaßen höflich das Gespräch auslaufen lasse. Es sind Auswanderer, die ausdrücklich vor den Folgen ebenjener Entwicklungen flohen, vor denen „die Rechten“ warnen – doch diese Auswanderer sehen sich weiterhin als „gegen Rechts“ und „alles außer AfD“. Diese Leute erinnern mich an einen Hape Kerkeling, der Berlin zurückließ, anscheinend aus genau den Gründen, die zu beheben er wohl ganz doll schlimm rääächts fände; vergleiche rtl.de, 11.3.2024.)
Beide Arten der Motivation auszuwandern sind ja gültig, sowohl die negative (weg von etwas) als auch die positive (hin zu etwas). Und es ist logisch, dass weg von einem Mangelzustand bedeutet hin zu einem Zustand, in dem dieser Mangel eben nicht existiert.
Einige Deutsche sinnieren nun, ob sie vor gewissen Entwicklungen in Deutschland ausgerechnet nach Spanien fliehen sollten. Ich empfehle dringend, präzise auszubuchstabieren, was genau es ist, wovor sie fliehen, inwiefern genau das am Zielort messbar besser ist – und besser bleiben wird.
Bürokratie? Migration? Bezahlbarer Wohnraum? Steuerlast? Tengo malas noticias para ti. Ich habe schlechte Nachrichten für dich, zumindest tendenziell.
Wenn Deutsche in diesen Jahren ins Südliche auswandern, tun sie dies oft in einem „Zumindest das Wetter“-Geist.
„Wenn wir schon nicht der ,Zerstörung von oben‘ entfliehen können, dann lasst uns zumindest bei all dem besseres Wetter haben“, so die Parole. Wenn schon Titanic, dann zumindest in der Karibik statt im Eiswasser.
Ein tatsächlicher Grund zum Auswandern nach Spanien aus Deutschland wäre für mich im Jahr 2026 tatsächlich die reale Spiritualität.
Nein, Spanien ist nicht mehr das Land, das mit der Reconquista das christliche Europa gerade noch so vorm Untergang rettete. Spanien wird von Sozialisten regiert, und die Folgen sind spürbar. Und doch existieren sie, die Nischen und Gruppen gläubiger Menschen, die am alten Glauben festhalten – und auch wirklich glauben.
Ja, auch in Deutschland leben gläubige Menschen, daran zweifele ich nicht. Doch in Spanien können sie weniger einsam sein.
Ob in einem Land tatsächlich tiefes, traditionsbewusstes christliches Leben stattfinden kann, hängt ganz wesentlich von den Bischöfen dieses Landes ab. Insofern empfiehlt sich womöglich für alle deutschen Gläubigen die Flucht aus Deutschland.
In Spanien aber existieren tatsächlich Bischöfe, die noch Hirten sind.
In Spanien finden sich nicht nur Einzelne, sondern ganze Gruppen und lebende Gemeinden, für die Ritual und Heiliger Geist nicht (nur) Geschichte und Theorie sind, sondern selbstverständlich ge- und erlebter Alltag – mit „Alltag“ im Sinn von „jeden Tag“, keineswegs im Sinne von „banal“.
Den „Wanderer, aus Gründen“ hatte ich einst beschworen. Ja, wenn du schon wanderst – ob aus- oder weiter –, so wisse, welche Gründe dich wirklich treiben.
Welche Gründe treiben dich fort?
Welche Gründe ziehen dich an?
Sind es gute Gründe?
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Der Essay Titanic, aber Karibik statt Eiswasser von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/titanic-aber-karibik-statt-eiswasser/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!

