Zu früh die Wahrheit

Aus Gewohnheit
Tilo Jung stellt Ulf Poschardt neben Martin Sellner, doch in seiner Naivität belegt Jung damit tatsächlich, dass in dieser Ära doch als „Nazi“ gilt, wer eine Wahrheit so früh aussprach, dass womöglich noch etwas zu ändern gewesen wäre.

Der in der Sache liegende Anteil meiner Motivation, die Menschen um der Menschen willen zu lieben, wird täglich aufs Neue getestet. Und das Bestehen dieser Prüfung wird täglich knapper.

Es existieren Individuen, deren Äußerungen lösen in mir eine angeekelte Kälte gegenüber der Menschheit insgesamt aus. Kälte, ähnlich wie Dunkelheit, existiert aber nicht selbst, sondern ist bloß unsere Umschreibung der Abwesenheit von Wärme bzw. Licht. Ich korrigiere also: Es gibt Menschen, deren Äußerungen wollen meine Wärme für die Menschheit insgesamt herunterfahren.

Ein solcher Mensch ist Tilo Jung. Dieser Herr Journalist spielt wohl einen der letzten tapferen Recken im Kampf gegen das Aussprechen der Tatsache, dass in westlichen Staaten die angestammte Bevölkerung im Effekt gegen andere Menschen ausgetauscht wird.

Jüngst (@TiloJung, 02.10.2026; archiviert) zeigte Jung den Screenshot eines alten Artikels von Martin Sellner (sezession.de, 1.2.2023). (Zu Sellner wiederum siehe meine Essays „Ihr liegt alle falsch“ und „Remigration, das Buch“.)

Dazu zeigte Herr Jung einen Screenshot eines neuen Artikels von Ulf Poschardt, der den Titel trägt: „Der große Austausch des Wahlvolks“ (welt.de, 2.10.2026).

Und Herr Jung kommentiert: „Gestern bei Nazis, Heute bei Springer“ (Komma wurde von mir eingefügt. Der Autor schrieb es in Versform).

Nein, der selbsterklärte „naive“ Meinungsstarke spricht nicht gegen die Tatsache. Er debattiert auch nicht die Frage, ob eine Handlung nur dann stattfindet, wenn sich nachweisen lässt, dass ein Mensch sie mit Absicht eingeleitet hat (womit alle Handlungen von KI keine wären). Und er diskutiert nicht einmal, ob eine Handlung stattfindet oder nicht, wenn sich zwar konkrete Personen zu dieser bekennen, diese aber zu zitieren hart bestraft wird.

Nein, Herr Jung stellt lediglich die Assoziation auf: Wer dieses Faktum benennt, der benennt etwas, das zuvor auch Nazis gesagt haben.

Unfreiwillig gibt Herr Jung, und darin handelt er tatsächlich „naiv“, damit zu, dass als „Nazi“ jener gilt, der eine Wahrheit benennt, die der Mainstream halt etwas später zugeben wird.

Herr Sellner gilt als „Nazi“, weil er Missstände benannte, als noch Aussicht bestand, sie zu verhindern und die Lage zum Besseren zu wenden. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben, doch wer eine Wahrheit zu früh ausspricht, der gilt schnell als rechtsextrem.

Herr Jung ist ja nicht allein. Auch Staatsfunker geraten schon mal in geradezu rasende Wut, wenn ein Bürger oder gar Politiker diese Offensichtlichkeit ausspricht.

Dabei greift die Logik des linken Tabus in Sachen Austausch doch gar nicht mehr: Ein Tabu muss nur so lange aufrechterhalten werden, wie der Missstand umkehrbar wäre. Wenn der Kipppunkt überschritten ist, kann auch ein Mainstream-Journalist „Klartext reden“. Herr Jung wirkt auf mich wie ein alter Brauerei-Gaul, der täglich seinen gewohnten Weg abtrottet, obwohl die Brauerei längst dichtgemacht hat.

Wenn die Wahrheit zu bekämpfen dir zur zweiten Natur wurde, was tust du, wenn die Wahrheit plötzlich salonfähig wurde? Deinen Journalisten-Ausweis abgeben? Eigene Aussagen ändern? Nein, einfach weiter die Wahrheitssager beschimpfen!

Ach, es ist alles so unwürdig.

Und „unwürdig“ meine ich nicht (nur) als emotional gefärbte Wertung.

Ich meine verstanden zu haben, es verstoße gegen die Menschenwürde, den Menschen als Mittel zum Zweck zu verwenden. (Wenn Menschen benutzt würden, um Pharmafirmen reich zu machen. Oder um Rüstungsfirmen und ihre Aktionäre reich zu machen. Oder wenn Menschen oder sogar ganze Nationen geopfert würden, um politische Interessen von NGO-Financiers voranzutreiben. Ja, wenn jemand solch Böses tun würde, wäre es gegen die Menschenwürde.)

Da aber Menschheit ohne Sprache nicht denkbar ist, meine ich: Es verstößt nicht minder gegen die Menschenwürde, und zwar die Würde aller Menschen, Sprache als semantisch inkohärente, aber triggernde Geräusche einzusetzen – als Mittel zum Zweck. Missbrauchte Sprache, welche nicht eine reale Welt beschreibt, und sei es „meinend“, sondern mit wortartigen Geräuschen lediglich und stattdessen trickreich auf programmierte Reflexe zielt.

Herr Jung ist wahrlich nicht der einzige deutsche „Multiplikator“, dessen Sprachgeräusche sich selbstbewusst von der Beschreibung der Realität abgekoppelt haben. Abstrakte Künstler befreiten sich von der Pflicht, Realität oder Mythologie in Korrespondenz zur realen Welt abzubilden. Die Kringel, Kleckse und Kritzeleien auf der Leinwand sollten zuerst die emotionale Innenwelt des Klecksenden abbilden.

Ähnlich beschreiben die Sätze und Thesen manch „moralstarker“ Publizisten zuerst die nur in Kleinstfragmenten durchdachte Wunschwelt der Sprecher, und damit stets den Schmerz der vielen Schnittwunden, wenn immer wieder die Realität die dünne Lügenhaut aufschnitt.

Das ist aber auch der Punkt, an welchem ich ob der Menschheit erkalte.

Der genannte Naive mit seinem bösen Bullshit ist wahrlich nicht der einzige Akteur, der die öffentliche Debatte mit impertinenter Inkohärenz vergiftet.

Er ist bloß der, der mir heute auffiel.

Wie soll man aber eine Menschheit lieben, die solche Dummheit in ihrer Mitte stattfinden lässt, ohne sie mit Gelächter vom großen Hof zu jagen? Ja, es sind doch jene, welche auf ihre Gegner mit dem Finger zeigen (lassen wollen), die den kollektiven Finger erleiden und ausgestoßen werden müssten, sollte sich die Menschheit unsere Zuneigung wieder verdienen wollen.

Nein, die Menschen können sich unsere Liebe nicht verdienen. Die Liebe zum dummen Nachbarn, der einen Tilo Jung oder die Tagesschau ernst nimmt, ist ein Auftrag, und zwar ein göttlicher Auftrag. (Deshalb sind gottlose Gesellschaften zugleich auch so lieblos. Es braucht Gott, um Menschen zu überzeugen, Leute zu lieben, welche die Dummheit für Klugheit nehmen und doch Würde für sich reklamieren. Und selbst dann, so viel Ehrlichkeit muss sein, fällt es nicht immer leicht. Bin ja auch selbst nur ein Mensch, siehe oben.)

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Der Essay Zu früh die Wahrheit von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/zu-frueh-die-wahrheit/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!