Sei dankbar für die Warteschlange

Aus dem Weg
Die lange Schlange am Bus ärgerte mich, bis mir klar wurde: Man muss dankbar sein, dass und wenn es überhaupt noch eine gibt.

Gestern Abend standen wir am Bus an. In der Warteschlange. Erst war ich ärgerlich, weil die Schlange so lang war. Zwanzig oder dreißig Leute. Ich war mir nicht sicher, ob wir alle in diesen Bus passen würden.

Dann stellte ich fest, dass sich daneben eine kurze Schlange gebildet hatte. Drei oder vier Leute (ein Mensch schien unentschieden).

Den Grund galt es zu eruieren!

Und siehe da, die lange Schlange wartete auf die 14, wir aber wollten die 15 nehmen. Hach!

Wir sortierten uns um, und wir waren froh!

Wir hätten, wie mir am nächsten Morgen beim frühen Grübeln bewusst wird, auch am Ende der langen Warteschlange froh und sogar dankbar sein sollen! Liebe Mitleser meines Tagebuchs, ich will es mir und euch erklären.

Dieser Tage wird aus dem toleranten Westen von ähnlichen Szenen in öffentlichen Verkehrsmitteln berichtet. Es berichten die Menschen, nicht die Propaganda.

Aus England wie aus Deutschland wird berichtet, und zwar aus Orten mit Busstationen. Ja, aus Übersee bisweilen auch, so da Busse fahren.

Es ist ein soziales pars pro toto: ein Teil, der fürs Ganze steht.

Wer heute in europäischen Städten mit dem Bus fährt, dem kann es widerfahren, dass kein Sitzplatz frei ist zu Zeiten, an denen früher leicht ein Sitzplatz zu ergattern war.

Ja, es kommt sogar vor, dass der Bus überfüllt ist und Passagiere an der Station und im Regen stehen lässt.

Bisweilen nützt es dir nichts, dich rechtzeitig anzustellen. Aggressive Menschen und deren Gruppen werden sich vordrängeln, regelmäßig und stetig häufiger. Solltest du dich bei einer höheren Instanz beschweren wollen, sind die Behörden auf deren Seite, nicht auf deiner (vergleiche @LegalYookay, 02.09.2026).

Gestern, als sich eine lange Warteschlange gebildet hatte, hätte ich froh sein sollen! (Besonders, da wir uns dann doch in die kurze Warteschlange einreihen konnten.)

Es ist ein alter und neuer Gradmesser für den Zustand einer Gesellschaft: ob Menschen sich für einen Platz im Bus anstellen (siehe @BrummieAndy8, 02.09.2026).

Ich sage mir (und damit dir): Sei dankbar, wenn du dich am Bus anstellen darfst. Sei dankbar für die Existenz einer ordentlichen Warteschlange!

In immer mehr Gesellschaften gilt an Bushaltestellen „das Recht des Stärkeren“. Und diejenigen, die mit ihren Steuern und ihrer Lebensleistung die Busse bezahlten, sind im Nahkampf an der Bustür selten die Stärkeren.

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Der Essay Sei dankbar für die Warteschlange von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/warteschlange/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!