Ich war am Mittwoch in Toledo, gestern kam ich zurück. Man feierte den Padre-Pio-Festtag, samt Umzug durch die Altstadt am Abend. Selbst wenn ich euch Filme und Fotos vorlegen würde, würde es nicht den Geist vermitteln, nicht in Gänze, nicht annähernd angemessen.
Es ist wohl ähnlich wie mit Fotos vom Strandurlaub. Ein Betrachter, der selbst noch nie am Strand war oder den Geruch von Meereswasser und das Gefühl von Sand zwischen den Zehen vergessen hat, hat ein völlig anderes Erlebnis beim Betrachten dieser Bilder.
Im einen aktiviert der Bericht ähnliche Gefühle, so wie die Erinnerung an den letzten Zahnarztbesuch oder eine beschämende Situation aufs Neue ähnliche Gefühle aktivieren kann (im Strandfall hoffentlich angenehmer Art). Es wurde an anderer Stelle gefragt und erklärt, und es bleibt so schillernd wie potenziell verheerend, dass der erinnerte Schmerz des Zahnarztbesuchs über die Monate hinweg verblasst (was absurderweise den nächsten Besuch unnötigt aufschieben lässt, da die Dringlichket genauso verblasst), der Schmerz einer beschämenden Blamage dagegen über Jahre und Jahrzehnte anschwellen kann – bisweilen über Generationen!
Wir denken an Dostojewski und die Aufzeichnungen aus dem Kellerloch. Der Beamte plant seine Rache für die vor Jahren geschehene Demütigung durch einen Offizier – beiseitegeschoben wie ein Möbelstück hatte der ihn.
Wir denken an Bismarck anno 1872, der die Demütigung Heinrichs IV. als politisch wirksame Wunde beschwor. Oder ein Jahr zuvor die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs im Spiegelsaal, eine Demütigung Frankreichs durch Deutschland. Dann 1919 der Versailler Vertrag im selben Saal, eine Demütigung Deutschlands durch Frankreich. Die Folgen sind bekannt.
„Nie wieder“ wird sichergestellt dadurch, dass die Deutschen allgemein und deutsche Männer speziell sich jeden Tag darin üben, gedemütigt zu werden, ohne aufzubegehren.
Ich war also einen Tag lang in Toledo. Ich betete mit, als wir den heiligen Padre Pio baten, für uns zu beten.
Manches mehr wäre zu sagen. Doch dies wohl besser in persona. Für heute nur noch dies: Es wird nicht gedemütigt, wer zuvor demütig wurde. Wer aber, wie Padre Pio, zuvor demütig war, der kann über die Unsagbarkeiten seiner Zeit hinauswachsen – und wohl auch weit jenseits seiner natürlichen Reichweite wirken.
Weiterschreiben, Wegner!
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