Ich will nicht. Aber ich will wollen. Diese Lücke ist es wohl, die Motivationstrainer zu überbrücken helfen versprechen. (Ja, das klingt wie drei infinite Verben in Folge. Tatsächlich ist aber „versprechen“ als dritte Person Plural konjugiert. Die Unbegrenztheit täuscht. Aber, ach: Ich verliere mich auf Seitenpfaden, sabotiere wohl wieder mein zu wollen Wollen.)
Ich will nicht „Marketing“ machen. Ich schreibe das Wort sogar mit den sonst wenig motivierten Anführungszeichen des Ekels, doch diese Affektiertheit könnte als Moral verkleidete Faulheit sein.
Faulheit welcher Art? Emotionale Faulheit. Indolenz. Phlegma. Verwandt mit jenem Konzept, das wir einst den inneren Schweinehund nannten. (Was wäre ein äußerer Schweinehund?)
„Marketing“ machen – ich füge trotzig das reichlich unpräzise „Machen“ an, verlässliches Merkmal lexikonbezogener Indifferenz. Aber, ach und wieder: Nebenwege.
Vor nun einem Jahr begann ich die Arbeit an „Latin Prayer“. Es begann als relativ simple App für Rosenkranz und tägliches Gebet. Und zwar fürs Beten auf Latein, wie es für über eineinhalbtausend Jahre üblich war.
In der Zeit von KI und Vibe-Coding ist eine Demo-App an einem Nachmittag zusammengestöpselt. Der Unterschied zwischen einer Demo-App und einer ausgereiften Plattform beträgt allerdings weiterhin Mannjahre.
„Mannjahr“ beschreibt Arbeitszeit. Die Arbeit, die ein Programmierer in einem Jahr erledigt. Oder zwei Programmierer in einem halben Jahr. Oder drei Programmierer in vier Monaten, und so weiter. Also etwa wie ein Kind von einer Frau in neun Monaten ausgetragen wird – oder von neun Frauen in einem Monat.
Ja, heute werden einige der „Mannjahre“ auch von „Künstlicher Intelligenz“ ausgeführt. Und ein Mannjahr braucht mit KI vielleicht nur eine Woche.
Es brauchte über ein halbes Jahr, bis ich Latin Prayer dann tatsächlich den Betern an die Hand geben konnte – in einer Version, die „komplett“ genannt werden kann. Mehrsprachig, mit interlinearer Bibel. Und mit voller Tridentinischer Messe, ebenfalls mehrsprachig interlinear.
Zur „Arbeit“, die keine KI ersetzen kann, gehörte, sieben Wochen an einem Ort zu verbringen, wo täglich die alte Messe gefeiert wird, und die App mit der Praxis abzugleichen.
Innerhalb dieser zweiten sechs Monate wurde mir klar, dass der weitaus größte Teil meiner Zielgruppe mit einem Android-Telefon unterwegs ist. Mit aller Bürokratie dauerte es wieder weitere Wochen … ach, in Kürze: Latin Prayer ist nun auch für Android verfügbar.
Jetzt beginnt das „Marketing“. Das Bescheidsagen und Drübersprechen. Die App in die Hände der Leute bekommen, die neu auf Lateinisch zu beten beginnen möchten. Oder wieder.
Nein, ich will nicht „Marketing machen“. Ich baue lieber, als dass ich übers Gebaute rede. Ein paar hundert Leute haben die Latin-Prayer-App schon auf dem iPhone installiert. Jetzt gilt es, sie der Welt bekannt zu machen.
Ich will nicht, doch es ist eine Pflicht, die sich aus der Aufgabe ergibt. Kann ich es tun? Kann ich womöglich gut darin sein? Die Aufgabe ist unabhängig von der Frage.
Also, für alle von euch, die ein Android-Handy besitzen und sich bis hierhin durch diesen Tagebuch-Eintrag gekämpft haben: Ihr könnt das alles abkürzen und die App jetzt herunterladen. Und für das iPhone ist sie natürlich weiter verfügbar.
Ich habe zu wollen, ob ich will oder nicht.
Weiterschreiben, Wegner!
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Latin Prayer: meine App zum Beten auf Latein
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Der Essay Ich habe zu wollen von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/ich-habe-zu-wollen/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!

