Eine kurze Fahrt genügt

Sehr Fleißig
Eine Fahrt im frühen Bus: Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit. Und sie unterscheiden sich dann doch vom „Stadtbild“. Doch diese Arbeiter sind es, die das Stadtbild finanzieren. Es ist unfair ­– und es wird nicht lange gutgehen.

Eine kurze Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln genügt. Es ist erstens zutiefst ungerecht, wie es ist, und zweitens wird es nicht so bleiben können.

Ich erinnere mich an eine frühe Busfahrt, morgens zwischen fünf und sechs Uhr.

Es wird auf Autobahnen und in Zügen womöglich ähnlich sein, doch es war eben ein sehr früher Bus, in welchem mir dies auffiel. Ein »Mini-Überlandbus«. Ein Bus, der Menschen zwischen Nachbarstädten transportiert.

Mir fiel die Bevölkerungsstruktur dieses Busses auf. Die Personen ähnelten so ganz und gar nicht dem üblichen Stadtbild. Zumindest nicht dem Stadtbild in diesen Jahren.

Es waren zumeist Arbeiter – und einige Arbeiterinnen – auf dem Weg eben zur Arbeit. Viele in sauberer Arbeitskleidung. Mit Rucksack und Proviant. Sauber und stoisch.

Diese Leute waren wohl gegen vier Uhr früh aufgestanden, um diesen Bus zu erwischen. Und anders als ich taten sie es jeden Tag. Seit Jahren oder Jahrzehnten. Oder sogar seit Generationen.

Diese Männer auf dem Weg zur Arbeit waren ganz und gar nicht das Stadtbild. Diese Männer waren es, die um vier Uhr früh aufstanden und arbeiten gingen, Tag für Tag. Um das Stadtbild zu finanzieren. Und um dafür verhöhnt zu werden.

Ich habe meine Texte umbenannt. Ihr seht es seit zwei Tagen in der URL. Die neuen Texte sind nicht mehr /essays/ sondern ein /tagebuch/.

Ein Essay sollte eine These verfolgen. Eine Lösung anbieten. Nach Wittgenstein der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen.

Ich habe keinen Ausweg in dieser Welt anzubieten. Der mir bekannte Ausweg beginnt bloß in dieser Welt, und auf Latein. Also ist dies ein Tagebuch-Eintrag, kein »Essay«.

Eine morgendliche Fahrt genügte, um nicht bloß zu wissen, sondern auch zu spüren, dass dieses Verhältnis zutiefst ungerecht ist. Und des Weiteren zu spüren, dass es alles nicht nachhaltig ist.

Nein, es ist nicht gerecht, wenn und dass die einen sich krumm schuften und das komfortable Leben der anderen finanzieren (und dafür auch noch verachtet werden, um sie still zu halten).

Eine kurze Fahrt genügt.

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Der Essay Eine kurze Fahrt genügt von Dushan Wegner ist auch online zu lesen: https://dushan.org/tagebuch/eine-kurze-fahrt-genuegt/, und auf dushanwegner.com finden sich noch viele weitere Texte, Bücher und sogar T-Shirts zum Thema!